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	<title>schottische Legenden Archive - Geister und Legenden</title>
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	<description>In diesem Blog schreibe und veröffentliche ich jeden zweiten Montag eine neue Legende und Geschichte über Geister oder andere übernatürliche Dinge. Viel Spaß beim Gruseln!</description>
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		<title>Baobhan-Sìth – Sie kommen in der Nacht!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 03 Aug 2026 13:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Was ich dann sah, ließ mich an meinem Verstand zweifeln. Vor unserer Tür standen vier junge Frauen, eine schöner als die nächste. Eine Rothaarige, eine Brünette und zwei Blonde. Sie trugen alle vier lange grüne Kleider, die Arme eng um ihre Körper geschlungen. Sie hatten nichts, was sie gegen den Regen schützte, trugen nicht einmal Jacken …</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.geister-und-legenden.de/baobhan-sith">Baobhan-Sìth – Sie kommen in der Nacht!</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.geister-und-legenden.de">Geister und Legenden</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg02.met.vgwort.de/na/798c8c2bb8df46b7a8b590e8f54c6f4b" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Die Baobhan-Sìth (ausgesprochen [bɤːvɐn ʃiː], also etwa boowen schii) sind eine alte Legende aus Schottland. Was genau es mit diesen Feenwesen auf sich hat, erfahrt ihr in meinem Beitrag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen (Achtung Spoiler!) </strong></summary>
<p>leichter Alkoholkonsum<br>
Blut<br>
Tod</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Ich war froh, als ich endlich mit einem dampfenden Teller Suppe vor mir am Tisch saß. Nach dem langen Jagdtag war ich erschöpft. Ich hatte zusammen mit meinen Freunden Russell, Craig und Ray Hasen gejagt. Inzwischen lagen die Tiere in ihre Einzelteile zerlegt und sorgfältig gestapelt in der großen Kühltruhe in unserer Hütte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Hütte hatte nur ein Zimmer. Außerdem mussten zwei von uns in Schlafsäcken am Boden schlafen, während die anderen es sich auf dem Bett und dem Sofa bequem machen durften. Wer wo schlafen musste, würde später eine Partie Twenty-Five entscheiden. Das Kartenspiel hatte in unserer Freundschaft eine lange Tradition.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber darüber machte ich mir im Moment noch keine Gedanken. Ich war einfach nur froh über die warme Mahlzeit, die gute Gesellschaft und die trockene Hütte, in der wir saßen. Denn draußen hatte es inzwischen zu regnen begonnen. Durch das Holzdach konnte man deutlich die dicken Tropfen hören, die in Scharen auf uns niederprasselten. Ehrlich gesagt fand ich es richtig gemütlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wisst ihr, Leute“, sagte ich, während ich aufstand, um vier Flaschen Bier aus dem Kühlschrank zu holen. „Ich könnte mir keinen besseren Samstagabend vorstellen, als mit euch hier in der Hütte zu sitzen und dem Regen zu lauschen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Freunde nickten zustimmend. Ich stellte ihnen je ein offenes Bier vor die Nase.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Auf die erfolgreiche Jagd“, sagte Russell. Er hob die Flasche an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Auf die Freundschaft“, erwiderte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anschließend stieß ich mit meinen Freunden an, bevor ich einen Schluck von dem bitterkalten Bier nahm.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schweigend genossen wir den Moment.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ehrlich gesagt“, sagte Craig dann. „<em>Eine</em> bessere Sache könnte ich mir schon vorstellen. Wenn meine Frau heute Nacht bei mir wäre.“ Er grinste frivol.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ja“, entgegnete Ray. „Das würde mir auch gefallen. Wenn deine Frau heute Nacht hier wäre.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort holte Craig nach Ray aus, aber er wich seinem Schlag lachend aus. Es dauerte nicht lange, bis Craig und schließlich auch Russell und ich in das Gelächter einstimmten. Wir wussten genau, dass Ray es nicht ernst gemeint hatte. Immerhin hatte er selbst eine bildhübsche Frau zuhause sitzen, die auf ihn wartete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Genau genommen war ich der Einzige von uns vieren, der keine glückliche Ehe führte. Zumindest noch nicht. Denn obwohl ich meiner Verlobten im Frühling einen Antrag gemacht hatte, waren wir noch nicht verheiratet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir alberten noch einen Augenblick weiter herum, bis ich auf einmal etwas hörte. „Pscht! Leute! Seid mal kurz leise. Ich glaube, da hat eben jemand geklopft.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort verstummten die anderen. Wir lauschten angestrengt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt hörte ich wieder nur den Regen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du spinnst doch“, sagte Russell. „Wir sind mitten im Nirgendwo. Wer soll hier schon klopfen? Dazu noch bei dem Wetter mitten in der Nacht.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann klopfte es noch einmal. Leise. Zaghaft. Aber wir hatten es eindeutig gehört.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort sprangen wir auf und rannten zur Tür. Ray erreichte sie als erster. Er öffnete sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was ich dann sah, ließ mich an meinem Verstand zweifeln. Vor unserer Tür standen vier junge Frauen, eine schöner als die nächste. Eine Rothaarige, eine Brünette und zwei Blonde. Sie trugen alle vier lange grüne Kleider, die Arme eng um ihre Körper geschlungen. Sie hatten nichts, was sie gegen den Regen schützte, trugen nicht einmal Jacken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Verzeihung“, sagte eine von ihnen mit zittrigen Lippen. Ihre roten Locken klebten ihr nass am Kopf. „Wir waren im Wald feiern. Einen Junggesellenabschied. Aber dann wurden wir von unseren Freunden getrennt und haben uns verirrt. Können wir uns vielleicht einen Moment unterstellen? Nur bis der Regen aufgehört hat?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ließen wir uns nicht zweimal fragen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Kommt rein!“, sagte Craig sofort. „Bevor ihr euch da draußen noch den Tod holt. Ihr seid ja völlig durchnässt! Dean, starte doch schonmal den Kamin!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir machten den Frauen sofort Platz, während ich zu besagtem Kamin eilte. Kurz darauf prasselte darin ein kleines Feuerchen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ihr könnt gerne die Nacht hierbleiben“, schlug Ray vor. „Und wenn ihr wollt, nehmen wir euch morgen früh mit in die Stadt.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Das wäre wirklich zauberhaft“, sagte die Rothaarige. Sie fiel Ray dabei fast um den Hals.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schüttelte den Kopf. Aber gut. Wenn sie von einem Junggesellenabschied kamen, waren sie sicher angetrunken. Außerdem konnten wir sie schlecht draußen im Regen stehenlassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und so saßen wir bald dicht gedrängt um den Kamin, hatten den Frauen Suppe und Decken gegeben, damit sie sich aufwärmen konnten. Dass wir dabei auf dem Boden sitzen mussten, störte niemanden von uns. Zumal sich die Frauen dicht zwischen uns gesetzt hatten – wahrscheinlich, um sich an uns zu wärmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Immer, wenn ich ein kleines Stück wegrückte, rückte die brünette Frau neben mir nach. Dabei stieg mir ihr Parfüm in die Nase. Es roch nach Blumen. Aber nur, weil sie ein gut riechendes Parfüm trug, würde ich bestimmt nicht mit ihr kuscheln. Für so etwas hatte ich meine Verlobte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Freunde hingegen sahen das wohl anders. Sie grinsten die Frauen breit an, während sie sich an sie schmiegten. Die Rothaarige hatte sich zu Ray gesetzt, während sich die beiden blonden an Russell und Craig warfen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Warum habt ihr den Junggesellenabschied überhaupt hier draußen im Wald gefeiert?“, fragte ich, um die Stille zu durchbrechen. „Gab es in der Stadt keine besseren Locations? Eine Bar oder sowas?“ Das Wort „Stripclub“ verkniff ich mir. Auch wenn ich es ihnen bei ihrem Verhalten mehr als zugetraut hätte. Ob sie sich die Stripper in den Wald bestellt hatten?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mit diesen schönen Wäldern in der Umgebung?“, fragte die Brünette. „Mit etwas Alkohol können wir Frauen hier draußen mehr als genug Spaß haben. Und bis wir uns verirrt haben, hatten wir einen wirklich fantastischen Abend!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich nickte. Aber gerade, als ich zu einer weiteren Frage ansetzen wollte, begann die Frau neben mir auf einmal zu singen. Es war eine langsame, fast sehnsüchtige Melodie. Nur, dass ich den Text nicht verstand. Sie sang auf Gälisch. Meine Mutter hätte es wahrscheinlich Wort für Wort übersetzen können, aber ich hatte mich noch nie für die alte schottische Sprache interessiert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also blieb mein Mund mitten im ersten Wort offenstehen. Ich wollte nicht unhöflich sein und ihr Lied unterbrechen. Davon abgesehen war ich viel zu perplex, um etwas zu sagen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem wäre ich gerne noch auf ihre Freundinnen zu sprechen gekommen. Wie kam es, dass sie voneinander getrennt wurden? Machten die anderen sich keine Sorgen? Würden sie die vier nicht draußen im Regen suchen? Mir war das alles suspekt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber ich könnte es noch nach ihrem Lied fragen. Zumal die drei anderen Frauen bereits in den Gesang miteingestimmt hatten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Melodie weckte eine tiefe Sehnsucht in mir. Als würde ich etwas vermissen, dass ich noch nie gekannt hatte. Ich merkte erst, dass ich meinen Körper sanft zu dem Lied Hin und Her wog, als ich schon mitten dabei war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann forderten die anderen drei Frauen meine Freunde plötzlich zum Tanzen auf. Sie zogen sie auf die Beine und begannen, sich mit ihnen im Takt zu bewegen. Meine Freunde machten nur allzu bereitwillig mit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und auch die Brünette hielt mir ihre Hand entgegen. Ich schüttelte jedoch den Kopf. Schnell sah ich mich in der Hütte um, als mein Blick auf die Gitarrentasche neben der Tür fiel. Wenn das Wetter gut war, spielte ich manchmal draußen am Lagerfeuer. Jetzt bot mir meine Gitarre hingegen die perfekte Ausrede.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und so holte ich das Instrument und begann, die Seiten zu dem Gesang zu zupfen. Zum Glück nahm die Brünette es mir nicht übel. Sie setze sich mir gegenüber und sang lächelnd weiter, während sie den Klängen meiner Gitarre lauschte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich erwiderte ihren Blick. Sogar ihr Lächeln. Ich schämte mich ein wenig dafür, aber ich konnte kaum wegsehen. Ihre tiefgrünen Augen, die Sommersprossen, die leichten Fältchen um ihren sich bewegenden Mund mit den perfekt weißen Zähnen. Wenigstens schaffte ich es, ihr dabei die ganze Zeit ins Gesicht zu blicken, und meine Augen wanderten nicht unbewusst weiter nach unten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich die Frau so anstarrte, sah ich aus dem Augenwinkel, dass meine Freunde mit ihren Tanzpartnerinnen inzwischen eng umschlungen waren. Sollte ich sie ermahnen? Sie an ihre Frauen erinnern?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich den Gedanken gerade formuliert hatte, fiel mein Blick auf Ray. Nicht nur, dass er mit der Rothaarigen in einer festen Umarmung war, sie presste auch noch ihre Lippen an seinen Hals.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie bereitete ihm aber keinen unangenehmen Knutschfleck, den er morgen seiner Frau erklären müsste, nein, sein Hals glänzte rot. Blut lief daran herab und verschwand in dem dunklen Stoff seines Hemdes. Hatte sie ihn gebissen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da sah ich, wie auch die anderen Frauen mit ihren Händen an Russells und Craigs Hälse wanderten. Ihre Bewegungen waren präzise und schnell, während sie ihnen ihre Fingernägel ohne sichtliche Anstrengungen durch die Hälse zogen. Sofort saugten auch sie an den frischen Wunden. Meine Freunde ließen es einfach geschehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Scheiße!“, stieß ich aus. Die Gitarre glitt mir aus den Händen. Sie prallte mit einem dumpfen Nachhallen der Saiten auf den Boden. „Lasst sie in Ruhe!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber die Frauen reagierten gar nicht. Und meine Freunde waren wie in Trance. Sie tanzten weiter zu der Melodie, die die brünette Frau vor mir noch immer sang.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt streckte auch sie ihre Hand nach mir aus. Es sah aus, als wolle sie nur nach meiner Wange greifen, aber auch sie hatte ungewöhnlich spitze Fingernägel.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort sprang ich auf. Ich musste etwas tun! Unsere Gewehre lehnten an der Wand neben dem Esstisch, aber ich hatte mein Jagdmesser noch immer am Gürtel. Ohne zu zögern, öffnete ich den Verschluss und riss es aus der Scheide. Es war ein altes Jagdmesser aus Eisen, hatte bereits meinem Opa gehört. Aber es war noch immer eines der besten Messer, die ich besaß. Ich richtete die Klinge auf die Brünette.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da verstummte auch sie. Sie wich zurück und fauchte mich an. Das wiederum erregte die Aufmerksamkeit der anderen Frauen. Sie ließen von meinen Freunden ab, wandten sich jetzt mir zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber selbst das brachte meine Freunde nicht wieder zur Besinnung. Ihre verliebten Blicke waren bloß weiter auf ihre Tanzpartnerinnen gerichtet, während das Blut aus ihren Hälsen rann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ray! Russell! Craig!“, schrie ich. „Kommt zu euch!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber es war zwecklos. Sie hörten mich gar nicht. Und um zu ihnen zu kommen, müsste ich an den Frauen vorbei, die weiter auf mich zukamen. Das Blut meiner Freunde glänzte an ihren Lippen. Einer der Blondinen war es bis zum Hals hinuntergelaufen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich streckte ihnen mein Messer entgegen. Da wichen sie mit einem erneuten Fauchen zurück. Es war aber nicht nur ein vorsichtiger Abstand, den sie zu mir aufbauten. Ihre Augen waren voller Angst auf das Metall in meiner Hand gerichtet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich kamen mir die Geschichten in den Kopf, die meine Mutter mir als Kind immer vorgelesen hatte. Es waren alte schottische Volksmärchen. Handelte eines davon nicht genau von solchen Feen? Junge Frauen, die in der Nacht auftauchten, grüne Kleider trugen und das Blut der Männer tranken, die sie verführten? Das würde auch ihr gälisches Lied und die Angst vor Eisen erklären.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ihr seid Baobhan-Sìth“, sagte ich ungläubig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt formte sich der Mund der Brünetten zu einem Lächeln. „Schlauer Junge.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das erklärte ihre Angst vor meinem Messer. Baobhan-Sìth hatten nur zwei Schwächen: Tageslicht und Eisen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frauen waren unterdessen dabei, in einem Bogen um mich herumzugehen. Sie kreisten mich ein!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Inzwischen versperrte eine von ihnen meinen Weg zu den Gewehren. Wobei ich die Waffe eh erst laden müsste, ehe ich damit irgendetwas ausrichten konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und wenn ich stattdessen zu meinen Freunden ging, stolperte ich geradewegs in eine Sackgasse. Ich wäre den Frauen schutzlos ausgeliefert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit meinem Messer könnte ich sie niemals überwältigen. Vielleicht eine von ihnen. Eventuell sogar zwei. Aber niemals alle vier.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also blieb mir nur noch eine Option: die Tür.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ehe ich weiter darüber nachdenken konnte, was das für meine Freunde bedeutete, sprintete ich los. Sobald ich meine Hand um den Türknauf geschlossen hatte, drehte ich mich wieder um, das Messer vor mich gestreckt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Baobhan-Sìth, die bereits dabei waren, auf mich zuzustürzen, blieben ruckartig stehen. Aber fast sofort kamen sie wieder langsam näher. Vorsichtig. Die Augen auf das Messer gerichtet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach einem letzten kurzen Blick zu meinen Freunden, die mit völlig verdrehten Köpfen noch immer die vier Frauen anlächelten, während weiter Blut aus ihren Hälsen lief, rannte ich weiter nach draußen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zum Glück hatte der Regen ein wenig nachgelassen. Es regnete noch immer, aber meine Kleidung war nicht sofort völlig durchnässt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Fieberhaft überlegte ich, wo ich hinlaufen solle. Mein erster Gedanke galt unseren Autos. Aber mein Schlüssel lag zusammen mit meinem Handy in meinem Rucksack. Und der wiederum stand irgendwo in der Hütte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also rannte ich ziellos durch den Wald. Matsch schmatzte unter meinen Füßen. In der Dunkelheit konnte ich kaum etwas erkennen. Doch wie durch ein Wunder rutschte ich nicht aus, stolperte über keine Wurzel.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem war ich noch lange nicht außer Gefahr. Die matschigen Schritte der Baobhan-Sìth waren mir noch immer auf den Fersen. Nie hätte ich gedacht, dass ich einmal vom Jäger zum Gejagten wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu meiner Erleichterung schienen die Baobhan-Sìth nicht mit übernatürlicher Geschwindigkeit gesegnet. Sie waren ausdauernd, ja, besonders für ihre zierlichen Gestalten, aber das war ich auch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und so rannte ich weiter, bis die Schritte hinter mir allmählich verstummten. Ich wusste nicht, wieso die Baobhan-Sìth von mir abließen. Ob ich sie wirklich abgehängt hatte oder ob sie bloß zu ihrer Beute in der Hütte zurückkehren wollten, bevor sie völlig ausblutete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nein. Nicht zu ihrer Beute. Zu meinen Freunden. Zu Russell, Craig und Ray. Tränen stiegen in meinen Augen auf. O Gott. Ich hatte in dieser Nacht meine besten Freunde verloren. Ich hatte sie einfach im Stich gelassen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie gerne hätte ich jetzt gesagt, dass ich zurückgerannt sei, meine Freunde im letzten Moment gerettet hätte. Aber das hatte ich nicht. Ich konnte ein unschuldiges Tier töten, ohne mit der Wimper zu zucken. Aber jetzt, da plötzlich mein eigenes Leben auf dem Spiel stand, konnte ich nicht einmal meine Freunde retten. Ich hatte zu viel Angst.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und so rannte ich weiter, bis meine Beine mich nicht länger tragen wollten. Völlig erschöpft brach ich weinend unter einem schützenden Baum zusammen. Ich zog die Knie an mich und verbrachte die nächsten Stunden zitternd und frierend unter dem Baum.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst, als die Sonne aufgegangen, die Baobhan-Sìth wieder in dem Feenreich verschwunden waren, kehrte ich völlig unterkühlt zur Hütte zurück. Die Leichname meiner Freunde waren bereits kalt. Nicht, dass das einen Unterschied gemacht hätte. Selbst wenn sie gerade erst gestorben wären, hätte ich sie nicht retten können. Die Baobhan-Sìth hatten sie völlig leergesaugt. Und ich hatte es zugelassen. Schuld machte sich in mir breit. Eine Schuld, die ich mein restliches Leben mit mir herumtragen sollte.</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Baobhan-Sìth (Schottisch-Gälisch für „Feen-Hexe“), bzw. Baobh-Shìth in der Einzahl, sind vampirartige Frauen der schottischen Folklore.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Baobhan-Sìth sollen für gewöhnlich wie wunderschöne Frauen aussehen. Meist tragen sie lange grüne Kleider.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Obwohl sie oft mit Vampiren verglichen werden, haben sie keine spitzen Eckzähne o. Ä., stattdessen besitzen sie lange scharfe Fingernägel oder Klauen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem sollen sie in einigen Erzählungen Reh- oder Ziegenbeine haben, die sie unter ihren Kleidern verstecken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einigen Quellen zufolge sollen die Baobhan-Sìth ihre Gestalt wandeln können und als Wolf oder Rabe erscheinen. Hierzu habe ich jedoch keine historischen Geschichten finden können.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Genau wie andere Vampire sollen auch die Baobhan-Sìth sich von menschlichem Blut ernähren (auch wenn sie dafür wie bereits angedeutet ihre Opfer nicht beißen, sondern ihnen blutige Verletzungen mit ihren Fingernägeln/Krallen zufügen, durch die sie sie leersaugen).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie sollen ausschließlich nachts auftreten, verbrennen bei Tageslicht aber nicht etwa, sondern verschwinden lediglich. Zudem sollen sie eine Schwäche vor Eisen haben, weshalb sie das Metall großräumig meiden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den Geschichten über sie geht es oft um vier Jäger, die allein im Wald sind (z. B. in einer Höhle, an einem Lagerfeuer oder in einer Hütte), als sie plötzlich von vier Baobhan-Sìth besucht werden. Meist geschieht dies, nachdem einer oder mehrere der Männer den Wunsch nach weiblicher Gesellschaft oder der Anwesenheit ihrer Ehefrauen geäußert haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Grund dafür, dass die Protagonisten oft Jäger sind, könnte sein, dass Baobhan-Sìth von dem Geruch von Blut angelockt werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Drei der Jäger fallen für gewöhnlich auf die Verführungen der übernatürlichen Frauen herein. Sie verzaubern sie mit einem Tanz, woraufhin sie sie ohne Gegenwehr töten können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der vierte Jäger hingegen schafft es meist, zu überleben. Wie er das hinbekommt, kann ganz unterschiedlich sein. Zum Beispiel kann er sich mit Eisen schützen, vor den Baobhan-Sìth fliehen oder er wird von seinem Hund beschützt, der bei ihm ist. (Hunde haben in Geschichten über Feenwesen oft ein Gespür für das Übernatürliche und durchschauen die <a href="https://geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer">Wesen</a> rechtzeitig.)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am nächsten Tag findet er oft die drei blutleeren Leichen seiner Freunde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es wird außerdem häufig erwähnt, dass die Jäger Freundinnen, Verlobte oder Ehefrauen haben. Am Ende überlebt also nur derjenige, der den Verlockungen der Baobhan-Sìth widersteht und seiner Partnerin treu bleibt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Da die Baobhan-Sìth sehr naturverbunden sind, sollen sie sich hauptsächlich in den schottischen Wäldern und Highlands aufhalten, wo sie auf menschliche Opfer warten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Legenden über die Baobhan-Sìth stammen aus der früher fast ausschließlich mündlich überlieferten Folklore Schottlands. Daher ist es unmöglich, zu sagen, wann und wie die Legende entstanden ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auffällig ist aber die Ähnlichkeit zu anderen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden">Legenden</a> wie z. B. dem Succubus, der skandinavischen Skogsrå/Huldra oder sogar der indianischen Legende der Deer Women. Letztere sind ebenfalls Meisterinnen der Verführung, sie verfügen ebenfalls über Rehbeine und auch in ihren Geschichten sterben die untreuen Ehemänner für gewöhnlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Baobhan-Sìth in der Popkultur:</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Baobhan-Sìth haben mehrere Auftritte in der Popkultur. So gibt es gleich zwei Filme über sie:</p>



<p class="wp-block-paragraph">In dem trashigen Comedy-Horrorfilm „Baobhan Sith“ (2017) spielt eine Baobhan-Sìth eine zentrale Rolle, während der Kurzfilm „Baobhan Sith“ (2023) von Blade &amp; Arrow Films (<a href="https://www.youtube.com/watch?v=IDcE2vqPP14" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Hier</a> findet ihr den Kurzfilm auf YouTube) sie eher im metaphorischen Sinn benutzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darüber hinaus gibt es eine Baobhan-Sìth als Charakter in dem mobilen Gacha-Spiel Fate/Grand Order.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von den Baobhan-Sìth? Kanntet ihr diese Wesen bereits? Und wie hättet ihr reagiert, wenn ihr anstelle einer der vier Jäger gewesen wärt? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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		<title>Selkies – Sie wollen zurück ins Meer</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 22 Sep 2025 13:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Ich betrachtete die Narben, die zwischen meinen Fingern hervorblitzten. Laut meinen Eltern stammen sie von einem Gendefekt. Ich hätte eine Mutation gehabt, die meine Hände entstellt habe. Aber für mich sah das anders aus. Die Narben waren zu gleichmäßig. Sie waren an der Innenseite all meiner Finger und sogar meiner Zehen. Es sah eher danach aus, als hätte ich bei meiner Geburt Schwimmhäute gehabt, die mir wegoperiert wurden …</p>
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<p class="wp-block-paragraph">Selkies sind zur Abwechslung mal <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer">Wesen</a>, die überhaupt nicht gruselig sind. Trotzdem finde ich diese schottischen Meereswesen unglaublich faszinierend. Ich hoffe, sie gefallen euch ebenfalls!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Lesen!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen (Achtung Spoiler!) </strong></summary>
<p>&#8211; Mobbing<br>
&#8211; Trauer</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Tag begann wie jeder andere. Nichts deutete darauf hin, dass ich an diesem Tag einen Menschen verlieren sollte, der mir so unglaublich viel bedeutete …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich saß in meiner Klasse. Unsere Englischlehrerin war noch nicht da, weshalb die anderen Schüler um mich herum noch schrien, lachten und rumalberten. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie zwei Schülerinnen eine Federtasche hin und herwarfen. Wem sie gehörte, wusste ich nicht. Aber das war mir eigentlich auch egal.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Stattdessen starrte ich auf meine Hände. Ich betrachtete die Narben, die zwischen meinen Fingern hervorblitzten. Laut meinen Eltern stammen sie von einem Gendefekt. Ich hätte eine Mutation gehabt, die meine Hände entstellt habe. Aber für mich sah das anders aus. Die Narben waren zu gleichmäßig. Sie waren an der Innenseite all meiner Finger und sogar meiner Zehen. Es sah eher danach aus, als hätte ich bei meiner Geburt Schwimmhäute gehabt, die mir wegoperiert wurden …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und das war nicht das Einzige, das mich mit dem Ozean verband. Ich war der Sohn eines Fischers. Seit mein Dad klein war, hatte er meinen Opa auf seinem Fischerboot begleitet, bis er irgendwann in seine Fußstapfen getreten war und den alten Kutter von ihm übernommen hatte. Er hatte schon immer eine enge Beziehung zum Meer gehabt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war jedoch nichts im Vergleich zu meiner Mum. Sie fuhr nicht mit Dad auf seinem Boot raus. Sie badete sogar nur selten im Ozean. Aber ihr müsstet sie mal sehen, wenn sie draußen auf der Veranda steht und aufs Meer hinausblickt. Die Sehnsucht in ihren Augen, die Überwindung, die es sie kostet, um ihre Augen von dem tiefen Blau abzuwenden. Es war, als wäre sie von der See besessen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber es gab eine Erklärung dafür. Für ihr Verhalten und sogar für meine Schwimmhäute. Es war ein Verdacht, den ich noch nie laut ausgesprochen hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hey, Fischfresse!“, riss mich eine Stimme aus meinen Gedanken. „Sitzt du ganz allein hier? Hat dein einziger Freund jetzt auch endlich erkannt, was du für ein Versager bist?“ Im nächsten Moment traf mich ein unsanfter Schlag am Hinterkopf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich starrte dabei weiter angespannt auf meine Hände und versuchte, Angus zu ignorieren. Er war der größte Bully aus unserer Klasse. Und das meine ich wörtlich. Er überragte die meisten anderen Schüler, mich eingeschlossen, um mindestens einen Kopf. Und zu meinem Pech hatte er mich auf dem Kieker, seit ich angeblich seine Beziehung ruiniert hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es hatte damit angefangen, dass wir in die weiterführende Schule gekommen waren. Damals war Angus mit Ellie zusammen gewesen, einem Mädchen aus unserer Klasse. In den ersten Wochen wurde mir jedoch klar, dass Ellie heimlich ein Auge auf mich geworfen hatte. Eins hatte zum anderen geführt, bis Angus schließlich voller Eifersucht mit ihr Schluss gemacht hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dabei war das nicht meine Schuld gewesen. Oder zumindest nicht meine Absicht. Ich hatte keinerlei Annäherungsversuche gegenüber Ellie unternommen, ihr sogar gesagt, dass ich kein Interesse an ihr hatte. Aber es hatte nichts gebracht. Und so folgten bisher drei Jahre voller Terror, in denen ich nichts anderes tun konnte, als Angus‘ Schikanen auszusitzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hey! Callum! Hat dir deine Mommy nicht beigebracht, dass du antworten sollst, wenn jemand mit dir spricht?“, fuhr Angus mich an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich konnte ein Zusammenzucken nicht unterdrücken. Er stand noch immer hinter mir. Der erwartete Schlag, der erneute Schmerz an meinem Hinterkopf blieb jedoch aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wenn du dich mit jemandem anlegen willst“, hörte ich eine andere Stimme, „such dir jemanden in deiner Größe.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erleichtert atmete ich auf. Da stand Liam und hielt Angus‘ zum Schlag ausgeholte Hand fest. Er zwinkerte mir zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment befreite Angus seine Hand mit einem Ruck. Er funkelte mich an. „Nächstes Mal, Fischfresse“, sagte er nur, ehe er weiter zu seinem Platz ging.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Liam kam einen Schritt näher. Er legte seine Hand auf meine Schulter. „Mach dir nichts draus, Callum. Angus ist ein Arsch.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich widerstand dem Drang, nach seiner Hand zu greifen. Nicht hier. Die anderen durften nichts von uns wissen. Stattdessen lächelte ich ihn schief an „Danke. Aber das wusste ich schon vorher.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment zog er seinen Stuhl zurück und setzte sich neben mich. „Wie sieht es eigentlich mit unseren Wochenendplänen aus? Steht das Zelten noch?“, fragte er neugierig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Fast sofort spürte ich, wie mein Lächeln wärmer wurde. „Meine Eltern sind einverstanden“, erklärte ich. „Ich muss nur unser altes Zelt wiederfinden. Aber das bekomm ich schon hin.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein ganzes Wochenende. Nur Liam und ich. Zwei Tage, an denen wir nicht aufpassen mussten, ob uns jemand sieht, wenn wir Händchen hielten. Wir mussten uns keine Gedanken machen, wenn wir abends zusammen im Gras lagen und den Sternenhimmel beobachteten. Uns nicht vorher umsehen, wenn wir einander einen flüchtigen Kuss geben wollten.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der restliche Schultag verlief ruhig. Zwar sah ich einige Male, wie Angus mir verächtliche Blicke zuwarf, aber da Liam mir nicht mehr von der Seite wich, ließ er mich in Ruhe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als die Glocke schließlich das Ende der letzten Stunde ankündigte, beeilte ich mich, meine Sachen zu packen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wir sehen uns morgen“, sagte ich zu Liam.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Schreib mir, wenn was dazwischenkommt oder du das Zelt nicht findest“, erwiderte er. „Ansonsten hol ich dich um Punkt 10 ab.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich grinste. „Ich schreib dir auch, wenn mir nichts dazwischenkommt“, erklärte ich. Danach berührte ich ihn sanft an der Schulter – die intimste Berührung, die ich mir in der Schule erlaubte –, ehe ich zum Bus rennen musste.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach einer ruhigen Busfahrt, bei der ich hauptsächlich Musik gehört hatte, und etwa drei Minuten Fußweg näherte ich mich unserem Haus. Es stand in Küstennähe und ich konnte von der Straße aus bereits das Rauschen der Wellen hören. Ein schwacher Geruch nach Meerwasser stieg mir in die Nase und ich spürte, wie mich ein wohliger Schauer überkam. Ich liebte den Strand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz darauf sah ich, dass auch Mum wieder auf der Veranda stand und auf das Meer hinaus starrte. Sie tat das häufig. Eigentlich fast täglich, wenn das Wetter gut war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hey Mum“, begrüßte ich sie. „Bin wieder da.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber Mum reagierte nicht. Es wirkte nicht so, als hätte sie mich bemerkt, obwohl ich laut genug gesprochen hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Genau das meinte ich. Es war, als wäre sie in ihrer eigenen kleinen Welt gefangen. In diesen Momenten gab es nur sie und das Meer. Natürlich könnte das eine Form von Autismus sein oder irgendetwas Ähnliches, aber ich hatte etwas anderes im Verdacht. Etwas anderes, das noch so viel mehr erklären würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hier in Schottland gibt es alte Legenden von den sogenannten Selkies – Schottisch für „Robben“. Und genau das waren sie auch. Bei den Selkies soll es sich um große Robben handeln, die manchmal ihr Fell abstreifen, um als Menschen an Land zu wandeln. Wenn sie nun ihr Fell verloren oder es gestohlen wurde, waren sie dazu verdammt, auf ewig Menschen zu bleiben. Es heißt aber, dass sie die tiefe Sehnsucht nach der See, ihrem wahren Zuhause, nie verlieren sollen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und ja, ich weiß, wie das klingt. Mit 15 sollte man nicht mehr an solche Märchen glauben. Am Anfang war es auch bloß eine alberne Idee gewesen, die ich selbst für bescheuert gehalten hatte. Je mehr ich über die Selkies gelesen hatte, desto mehr erinnerten mich die Erzählungen jedoch an Mum. Als ich dann auch noch erfuhr, dass die Kinder von Selkies oft Schwimmhäute zwischen Fingern und Zehen haben … Seit jenem Tag betrachte ich meine Theorie jedenfalls als reelle Möglichkeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich ertappte mich dabei, wie ich wieder meine Narben musterte. Also ließ ich die Hände wieder sinken. Mum hatte mich noch immer nicht bemerkt und ich wollte sie nicht aus ihren Gedanken reißen, also ging ich weiter ins Haus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich bin wieder da!“, rief ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz darauf steckte Dad seinen Kopf aus dem Wohnzimmer. „Hi Callum“, grüßte er durch seinen vollen Bart. „Wie war die Schule?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„So wie immer“, antwortete ich vage.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Und Liam?“, fragte er weiter. „Wie geht es ihm? Freust du dich schon auf morgen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei dem Gedanken an meinen Freund musste ich sofort lächeln. „Ihm gehts gut. Und ja. Das tu ich. Apropos … Weißt du zufällig, wo unser Zelt ist? In der Garage konnte ich es gestern nicht finden.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dad überlegte einen Moment. „Puh. Es ist schon ewig her, dass wir das benutzt haben. Vielleicht liegt es auf dem Dachboden? Ich kann aber nicht versprechen, dass es nicht inzwischen völlig von Motten zerfressen ist.“ Er lächelte verspielt und zwinkerte mir zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Gesichtsausdruck musste daraufhin so entsetzt gewesen sein, dass Dad lachen musste. Er kam zu mir und wuschelte mir durch die Haare. „Keine Sorge. Wenn das Zelt wirklich kaputt ist, fahre ich persönlich morgen früh in die Stadt und hol dir ein neues. Oder wenn du es nicht finden kannst. Ihr könnt euren kleinen Abenteuerurlaub auf jeden Fall machen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt strahlte ich. „Danke Dad“, sagte ich und gab ihm eine flüchtige Umarmung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„In zwei Stunden gibt es Essen!“, rief er mir nach, während ich auf den Dachboden rannte.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf dem Dachboden roch es nach Staub. Nein, es roch nicht nur danach. Im schwachen Licht, das durch ein einzelnes Fenster fiel, sah ich die Staubpartikel durch die Luft tanzen. Und auch die Möbel, Kisten und anderen Dinge hier oben waren alle von einer dicken Staubschicht bedeckt. Ich war ewig nicht hier oben gewesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Neugierig sah ich mich um. Mein Blick fiel auf einen in sich zusammengesackten Fußball, auf dem das ausgeblichene Gesicht einer Cartoonkatze war. Auch er war von Staub bedeckt. Trotzdem weckte er bei mir sofort Erinnerungen. Meine Eltern hatten ihn mir geschenkt, als ich noch nicht einmal in der Schule war. Wie viele Nachmittage wir ihn hin und her gekickt hatten. Mein Dad hatte extra schlecht gespielt, damit ich überhaupt ein Tor schießen konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder merkte ich, dass ich lächelte, während ich meinen Blick weiterwandern ließ. Hier oben waren so viel Dinge – mir bekannte und unbekannte. Einige mussten von meinen Großeltern stammen. Alte schwarz-weiß Fotos auf einem uralt aussehenden Tisch. Andere von Dad oder von mir. Nur von Mum schien hier nicht wirklich etwas zu liegen. Auch ihre Eltern oder andere Familienmitglieder hatte ich nie kennengelernt. Es gab nicht einmal Fotos von ihnen. Wieder musste ich an meine Selkie-Theorie denken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schüttelte den Kopf. Deswegen war ich nicht hier. Wenn ich vor dem Essen noch irgendetwas erreichen wollte, musste ich mich an die Arbeit machen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem ich grob alles überflogen hatte, ohne dabei etwas zu finden, dass nach einem Zelt aussah, nahm ich mir die Kisten vor. In vielen von ihnen war Ramsch – altes Geschirr, Zeitschriften, aussortierte Wäsche. Ich ignorierte sie. Bei anderen hingegen fiel es mir weniger leicht, sie beiseitezuschieben. In ihnen lagen hauptsächlich alte Dinge von mir. An einer Kiste mit alten Spielsachen und Kuscheltieren verschwendete ich bestimmt eine Viertelstunde, obwohl von vornerein klar war, dass das Zelt nicht darin liegen würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch fand ich Dads alte Angelausrüstung. Sie lag auf einer unbeschrifteten Kiste. Auch hier schwelgte ich in Erinnerungen. Es war Jahre her, dass Dad und ich angeln waren. Warum auch? Fische fangen war immerhin sein Beruf. Da wollte er in seiner Freizeit sicherlich etwas anderes machen. Ich erinnerte mich an ein Lagerfeuer, über dem wir einen viel zu kleinen Fisch gebraten hatten – den einzigen Fisch, den ich an jenem Tag selbst gefangen hatte. Dad hatte mir geholfen, die Gräten zu entfernen, damit ich ihn essen konnte, ehe wir … zurück ins Zelt gegangen waren! Der Angelausflug war ein Campingtrip gewesen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hastig räumte ich die Angelausrüstung beiseite, um an die Kiste zu kommen. Vielleicht war ich dabei etwas unvorsichtig – die Ausrüstung fiel mir mit lautem Gepolter aus der Hand –, aber das war mir gerade egal. Sobald die Kiste frei war, klappte ich die obere Pappe beiseite. Darin lag … etwas Graues, Flauschiges. Unsicher griff ich danach. Es war eine Art dichter, weicher Stoff. Ich holte es aus der Kiste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz darauf lag die Robbenhaut ausgebreitet vor mir auf dem Boden. Sie war grau, mit dunklen Flecken und einem auffälligen hellen Muster in der Mitte – etwa dort, wo der Rücken der Robbe gewesen sein musste. Außerdem war es ungewöhnlich groß.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Selkies können ihr Robbenfell abstreifen, um als Menschen an Land zu wandeln“, murmelte ich. Konnte es sein? War das Mums Fell?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Gedanken kreisten. Sie wirbelten umher und überschlugen sich. Nehmen wir an, dass Mum tatsächlich eine Selkie ist. Warum lag ihr Fell dann auf dem Dachboden? Soweit ich mich erinnerte, hieß es, dass Selkies immer nach kurzer Zeit ins Wasser zurückgekehrt sind. Außer sie haben ihr Fell verloren. Oder es wurde gestohlen. Aber warum lag es dann hier oben. Dad würde doch nie …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurzerhand packte ich das schwere Fell und ging damit zurück ins Wohnzimmer. Meine Schritte stapften laut über die Holztreppe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Dad? Dad, was ist das?“, stellte ich ihn zur Rede.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst sah er neugierig auf. Dann weiteten sich jedoch seine Augen und er sah flüchtig zum Fenster. „Pack das weg“, flüsterte er leise. „Mum darf es nicht sehen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also war es wahr? „Warum nicht?“, hakte ich nach.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Es ist … Es ist ein Geschenk“, sagte er. Ich erkannte die Lüge sofort. Dad war noch nie ein guter Lügner gewesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ist Mum eine Selkie?“, fragte ich also direkt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Daraufhin klappte Dads Mund auf. Es kam aber kein Ton heraus. Er schloss und öffnete ihn wieder. Er sah aus wie ein Fisch, den man an Land geholt hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das reichte mir als Antwort. Also rannte ich weiter Richtung Haustür. Wenn das Mums Fell war, musste sie wissen, dass es im Haus lag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Callum! Warte!“, rief Dad, während er mir nachstürzt. Aber er war zu langsam. Ich war bereits nach draußen auf die Veranda getreten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dort stand Mum. Sie wandte die Augen vom Ozean ab – wahrscheinlich um zu sehen, was der Tumult sollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als sie mich sah, erstarrte sie. Oder besser gesagt als sie das Fell in meinen Händen sah. Ihre weit aufgerissenen Augen waren starr darauf gerichtet. Ungläubig tat sie einen Schritt auf mich zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich kenne dein Geheimnis, Mum“, sagte ich leise, während ich das Robbenfell hochhielt. Ich spürte, wie sich ein Kloß in meinem Hals bildete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt hatte auch Dad die Tür erreicht. „Selene, ich … Ich kann es erklären!“, sagte er schnell.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch Mum beachtete ihn gar nicht. Sie trat weiter auf mich zu, streckte die Hand nach dem Fell aus, zögerte dann jedoch. Ihre Hand griff stattdessen nach meiner Wange. Ihre dunklen Augen sahen tief in meine. „Und ich kenne dein Geheimnis“, sagte sie ruhig. „Dad und ich sehen doch, wie Liam und du einander anseht. Wir wissen es. Und wir freuen uns für euch.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt lächelte sie. Ich stand bloß da, spürte, wie mir heiß und kalt gleichzeitig wurde. „Ich … Wir …“, stammelte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mum streichelte meine Wange. „Es ist in Ordnung“, sagte sie sanft. Jetzt sah sie auch zu Dad. Auch ihn lächelte sie an. „Ich liebe euch.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann griff sie nach dem Fell, warf es sich über die Schultern und rannte den kleinen Abhang zum Strand hinunter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dad stürzte ihr sofort nach. „Selene! Selene!“, brüllte er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich blieb auf der Veranda stehen, sah dabei zu, wie Mum in die Wellen rannte und elegant wie eine Robbe darin verschwand. Nein. Nicht <em>wie</em> eine Robbe. <em>Als</em> Robbe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dad versuchte noch eine Weile, sie einzuholen, ehe er aufgab und völlig durchnässt aus dem Wasser stapfte. Er sackte am Strand in sich zusammen und weinte. Auch ich weinte jetzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war das letzte Mal, dass ich Mum gesehen habe. Zumindest in ihrer menschlichen Gestalt. Aber oft, wenn ich mit Liam am Strand bin, oder mit Dad auf seinem Kutter, kann ich unweit im Wasser eine Robbe entdecken. Eine Robbe mit einem auffällig hellen Muster auf ihrem Rücken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn ihr mich fragt, ob ich bereue, Mum ihr Fell wiedergegeben zu haben, so kann ich nur sagen, dass es das Richtige war. Klar, ich vermisse sie, aber sie ist ein Wesen des Meeres. Niemand sollte sie an Land gefangen halten. Auch nicht aus Liebe. Und ich denke, das hat auch Dad inzwischen eingesehen.</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Selkies (Schottisch für „Robben“), auch Silkies, Sylkies oder Selchies geschrieben, sind Wesen der keltischen Mythologie. Es handelt sich bei ihnen um Robben, die ihre Haut ablegen und sich so in Menschen verwandeln können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Oft werden sie als keltische Version der Meerjungfrauen-Legende bezeichnet.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In den meisten Geschichten sind sie weiblich, es gibt aber auch <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden">Legenden</a> über männliche Selkies.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie bereits erwähnt sind sie Gestaltwandler. In ihrer Robbenform sehen sie wie normale Robben aus. Es handelt sich dabei aber normalerweise um größere Arten als z. B. die in Deutschland heimische Kegelrobbe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Menschengestalt hingegen werden sie als besonders schön und anmutig beschrieben. Man sagt, dass sich Menschen aufgrund ihres Aussehens sehr schnell in Selkies verlieben können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Oft heißt es auch, dass sie dunkle Haare und/oder dunkle Augen hätten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die meiste Zeit sollen die Selkies in ihrer Robbengestalt im Meer verbringen. Es kommt jedoch vor, dass sie ihre Robbenhaut ablegen und sich so in einen Menschen verwandeln. In diesem Zustand müssen sie jedoch gut auf ihre Robbenhaut achtgeben. Wenn sie sie verlieren oder sie gestohlen wird, können sie sich nicht mehr in eine Robbe zurückverwandeln, bis sie ihre Haut wiederhaben. In diesem Zustand sollen sie sich intensiv nach dem Meer sehnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie oft bzw. wann sie ihr Robbenfell ablegen können, um sich zu verwandeln, kann je nach Version variieren. So heißt es manchmal, sie können sich nach Belieben verwandeln, andere Male heißt es hingegen, es ginge nur jede siebte oder neunte Nacht, nur bei Vollmond, nur einmal im Jahr (z. B. zur Sommersonnenwende) oder gar nur alle sieben Jahre.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den meisten Geschichten, die von weiblichen Selkies handeln, stiehlt ein Mann das Fell der Selkie, um sie dazu zu zwingen, an Land zu bleiben. Entweder wird die Selkie dadurch an den Mann gebunden oder sie weiß nicht, dass er das Fell besitzt. So oder so gehen die beiden daraufhin oft eine Beziehung ein. In den meisten Fällen heiraten sie und bekommen sogar Kinder. Irgendwann findet die Selkie das Robbenfell, woraufhin sie es überstreift und als Robbe ins Meer zurückkehrt. Im Normalfall kommt sie nie wieder zu ihrem Mann zurück.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Kinder von Selkies haben oft Schwimmhäute zwischen den Fingern und Zehen. Auch sollen sie häufig weitere Eigenschaften wie z. B. die Schönheit oder eine Sehnsucht nach dem Meer von ihrem Selkie-Elternteil erben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einigen eher seltenen Legenden habe ich auch davon gelesen, dass Selkies das Wetter kontrollieren und somit Stürme heraufbeschwören können.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Männliche Selkies:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Die Eigenschaften der männlichen Selkies sind an sich identisch mit denen der weiblichen, jedoch unterscheiden sich ihre Legenden häufig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So sind männliche Selkies eher dafür bekannt, einsame oder unglücklich verheiratete Frauen zu verführen. Es heißt z. B., dass ein Selkie auftauchen soll, wenn eine Frau sieben Tränen ins Meer weint. In den Legenden verbringen die beiden daraufhin oft die Nacht zusammen, ehe der Selkie ins Meer zurückkehrt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Hauptsächlich stammen die Legenden über Selkies aus Schottland, besonders von den Orkney- und Shetlandinseln. Aber auch in anderen Küstenregionen Schottlands und an den Küsten Irlands sollen Selkies den Legenden nach anzutreffen sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt sogar einige Selkie-Legenden, die es bis nach Island und auf die Färöer geschafft haben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die ältesten Erwähnungen von Selkies, die ich finden konnte, stammen aus dem 13. Jahrhundert. Abgesehen davon, dass die Legenden aus Schottland stammen, ist über den Ursprung der Selkies jedoch nicht viel bekannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt aber einige Theorien dazu:</p>



<p class="wp-block-paragraph">So vermuten manche Folkloristen, dass es ein Erklärungsversuch für einige Krankheiten gewesen sein könnte, die zu gewissen Verformungen des Körpers von Kindern geführt haben. Als Beispiel wird hierbei Syndaktylie genannt, eine Krankheit, die in einigen Fällen für schwimmhautähnliche Verformungen zwischen zwei Fingern führen kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch besteht die Möglichkeit, dass sie metaphorisch gemeint sein und Frauen beschrieben haben könnte, die sich nicht in die damalige Gesellschaft eingefügt haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am interessantesten finde ich hingegen eine Theorie, die erst im 19. oder 20. Jahrhundert entstanden ist. Darin wird die Vermutung aufgestellt, dass in früherer Zeit, als die Schotten bereits Kontakt zu den Finnen und/oder Samen gehabt hatten, sie einige der Skandinavier in ihren aus Tierhäuten bestehenden Booten gesehen haben könnten. Besagte Boote schwammen nur so lange gut, wie die Tierhäute noch nicht völlig durchnässt waren. Sie mussten also gelegentlich an Land gehen, um ihre Boote und wahrscheinlich auch ihre (häufig aus Robbenpelz) bestehende Kleidung zu trocknen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn ein Finne oder Same also an Land gegangen ist, wo er sein Robbenfell abgelegt hat, hätte es durchaus so aussehen können, als habe er sich gerade von einer Robbe in einen Menschen verwandelt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Selkies in der Popkultur:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Aufgrund ihrer internationalen Bekanntheit gibt es zahlreiche Auftritte von Selkies in der modernen Popkultur.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In dem irischen Fantasy-Abenteuerfilm „Das Geheimnis des kleinen Seehundes“ (1994), der auf dem Roman „Secret of the Ron Mor Skerry“ (Englisch für „Das Geheimnis von Ron Mor Skerry“, 1957) von Rosalie K. Fry basiert, spielen Selkies eine zentrale Rolle.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weitere bekannte Selkie-Filme sind u. a. der irische Animationsfilm „Die Melodie des Meeres“ (2014), der australische Kinder-Abenteuerfilm „Selkie &#8211; Der Seehundmensch“ (2000) oder der irische Dramafilm „Ondine – Das Mädchen aus dem Meer“ (2009).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch gibt es diverse Bücher über Selkies, so z. B. der Fantasyroman „Sealskin“ („Robbenhaut“, 2016) von Su Bristow oder der Young Adult Roman „A Stranger Came Ashore“ („Ein Fremder kam an Land“, 1975) von Mollie Hunter.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von den Selkies? Hat euch die Geschichte gefallen? Und was würdet ihr tun, wenn ihr die Robbenhaut einer Selkie am Strand findet? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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