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La Planchada
La Planchada (2020)

La Planchada

La Planchada ist eine mexikanische Legende. Sie ist Ralf, dem zweiten Gewinner meines Gewinnspiels, gewidmet, der sich „Die Legende von Mais“ mit einer Hauptperson namens Otis gewünscht hat. Da die Legende des Mais jedoch nicht wirklich zu meinem Blog passen würde, habe ich mich für eine andere mexikanische Legende entschieden.

Die Geschichte:

„Ich muss mal schnell für kleine Mädchen, Otis. Bin gleich wieder da“, sagte Lorena.

Ich nickte müde. Nachtschichten waren noch nie meine Stärke gewesen. Ich legte meinen Kopf erschöpft auf die Tischplatte.

Das Nächste, an das ich mich erinnerte, war ein sanftes Rütteln an meiner Schulter. Ich musste eingeschlafen sein.

„Ich bin wach. Ich bin wach!“, sagte ich schnell, während ich mich zu Lorena umdrehte. Dann hielt ich verwirrt inne. „Lorena?“

Doch von ihr fehlte jede Spur. Ich saß ganz alleine im Pflegerzimmer. Sie war noch nicht von ihrem Toilettengang zurückgekehrt.

Aber wenn sie mich nicht wachgerüttelt hatte, wer war es dann gewesen? Außer Lorena und mir waren nur Patienten in diesem Teil des Krankenhauses – und die hätten sich eher per Knopfdruck über den Lichtruf gemeldet, als unbefugt das Pflegerzimmer zu betreten.

Ich hatte es sicherlich bloß geträumt.

Trotzdem. Es konnte so nicht weitergehen. Es war erst knapp eine Woche her, seit ich zuletzt verwarnt wurde, weil ich bei der Nachtschicht eingeschlafen war.

Ich reckte mich, gähnte herzhaft und stand auf. Etwas Bewegung würde mich sicher wachhalten.

Als ich durch die Gänge wanderte, war es ziemlich düster. Die Patienten hatten große Fenster vor ihren Zimmern. Nicht jeder mochte es, nachts die Jalousien zu schließen, weswegen wir nach 22 Uhr das Licht im Flur dimmten.

Die halbdunklen Gänge mit ihren kalten, weißen Wänden und dem graublauen Boden bereiteten mir immer eine gewisse Art von Unbehagen. Über mir summte eine Lampe. Es erinnerte mich an einen Film, den ich mal gesehen hatte, in dem Patienten eines Irrenhauses misshandelt und gefoltert wurden.

Einzig die Fenster, die bei der Dunkelheit fast wie Spiegel wirkten, ließen die Gänge anders aussehen. Dafür sah man ständig Bewegungen aus dem Augenwinkel – auch wenn es nur die eigene Spiegelung war.

Wenn man jetzt noch ab und an einen Schrei oder ein wahnsinniges Lachen hören würde …

Eine Bewegung vor mir riss mich aus den Gedanken:

Wie aus dem Nichts tauchte eine Frau aus einem Seitengang auf. Obwohl sie eine Krankenschwesternuniform trug, dachte ich erst, dass sie eine Patientin sei. Das lag jedoch daran, dass ihre Uniform nicht direkt als solche erkannte. Ihre Kleidung war bereits seit Jahrzehnten aus der Mode gekommen. Trotzdem waren ihr weißes, perfekt gebügeltes Kleid mit den grauen Ärmeln und die weiße Schwesternhaube unverkennbar.

Unter dem knielangen Kleid erkannte ich weiße Socken oder eine weiße Strumpfhose, die ihre Haut völlig bedeckten. An den Füßen trug sie passende, weiße Schuhe mit kleinen Absätzen.

Ich stockte. Dann lauschte ich. Ich hielt sogar den Atem an, um ganz sicherzugehen. Man hörte ein Piepen. Irgendwo ertönte ein entferntes Husten. Doch was man nicht hörte, war das Klackern der Absätze auf dem glatten Klinikboden.

Die Frau war keine zwei Meter von mir entfernt gegangen. Irgendetwas hätte ich doch hören müssen!

Ohne weiter darüber nachzudenken, hastete ich nach vorne. Ich spähte in den Gang, in dem die Frau gerade verschwunden war. Der Gang war menschenleer …

Eine Gänsehaut zog sich langsam über meinen Rücken.

War die Frau in einem der Zimmer verschwunden? Aber nein, das hätte ich hören müssen!

Ich wusste, dass man von zu viel Müdigkeit manchmal Dinge sah, Schatten oder Silhouetten, die man aus dem Augenwinkel wahrnahm. Aber die Frau war gestochen scharf gewesen!

Ich kontrollierte die Patientenzimmer. Von der seltsamen Krankenschwester fehlte jede Spur.

Gedankenverloren schlenderte ich in das Pflegerzimmer zurück. Ich konnte mir nicht erklären, was passiert war.

„Otis, da bist du ja!“, sagte Lorena, als ich den Raum betrat. „Was ist dir den passiert? Ist etwas mit einem Patienten?“ Sie war sofort in Alarmbereitschaft.

„Nein, nein. Alles gut. Denke ich …“ Ich merkte bereits beim Sprechen, dass ich alles andere als überzeugend klang.

Lorena zog eine Augenbraue hoch. Trotzdem ging sie nicht weiter darauf ein, sondern widmete sich jetzt wieder ihrem Handy.

„Sag mal“, zog ich ihre Aufmerksamkeit wieder auf mich, „Glaubst du, dass es hier im Krankenhaus spukt?“

„Das Einzige, was hier spukt, sind Patienten, die nachts durch die Gänge streifen“, erwiderte Lorena, sah dann aber kurz von ihrem Handy auf. „Wieso?“

Ich zögerte. Nervös fuhr ich mir durch die Haare.

Das schien Emilias Aufmerksamkeit zu wecken. „Otis?“, forderte sie mich auf, mit der Sprache herauszurücken.

„Ich … Also … Naja …“, stammelte ich, „Ich habe eben auf dem Flur eine Krankenschwester aus dem letzten oder vorletzten Jahrhundert gesehen – zumindest der Kleidung nach zu urteilen.“ Ich erklärte Lorena haargenau, was geschehen war.

Auch sie wirkte jetzt sehr nachdenklich. „Hatte die Krankenschwester ein sehr glattes Kleid?“, fragte sie.

Verdutzt sah ich sie an. Mit der Frage hatte ich nicht gerechnet. „Wieso?“

„Hatte sie?“, drängte Lorena.

Ich sah die Krankenschwester in Gedanken noch vor mir, als würde sie neben mir stehen. „Sie hatte schon ein sehr glattes Kleid. Es sah frisch gebügelt aus. Aber woher weißt du das?“

„Hast du schon einmal etwas von La Planchada gehört?“, fragte Lorena.

„Die Gebügelte?“, fragte ich verwirrt – das bedeutete La Planchada auf Deutsch.

„Es ist der Geist einer Krankenschwester. Ein Mann hatte ihr das Herz gebrochen, woraufhin sie ihre Arbeit vernachlässigt hat. Es heißt, einer ihrer Patienten sei deswegen sogar gestorben. Den Namen hat sie daher, dass ihre Kleidung immer top gepflegt und gebügelt aussah“, erwiderte Lorena.

„Du verarscht mich“, sagte ich entgeistert.

„Nein“, widersprach Lorena. Sie tippte auf ihrem Handy herum und hielt mir einen Artikel entgegen.

„La Planchada“, las ich vor. Der Artikel handelte von einem Geist, auf den die Beschreibung tatsächlich passte. Eulalia – so hieß La Planchada angeblich – soll wirklich einen Patienten verloren haben. Wegen ihrer Schuldgefühle sei sie krank geworden, bis sie kurz darauf starb.

Ich sah Lorena skeptisch an. „Hast du das arrangiert?“, fragte ich. „Wenn du mir Angst machen willst, musst du dich schon mehr anstrengen!“

„Angst machen? Wenn ich dir Angst machen wollte, hätte ich von einem Geist erzählt, der Leuten schadet. La Planchada ist auf die Erde zurückgekehrt, um vernachlässigten Patienten zu helfen. Sie ist ein guter Geist. Sie soll sogar Krankenschwestern und Pfleger wecken, wenn sie bei der Arbeit einschlafen. Sowas kann dir doch nur recht sein“, scherzte Lorena.

Sofort musste ich an vorhin denken. Hatte La Planchada mich etwas geweckt? Aber nein, das war völlig unmöglich!

„Ach, wahrscheinlich bin ich einfach nur müde. Ich hab sie mir eingebildet oder geträumt oder was weiß ich“, entgegnete ich.

„Ja, vielleicht“, sagte Lorena.

Mehr sprachen wir nicht darüber. Lorena widmete sich wieder ihrem Handy, während ich mir einigen Papierkram vornahm, den ich noch nachzuholen hatte.

Am nächsten Morgen – die Sonne war bereits aufgegangen – war unsere Nachtschicht endlich zu Ende. Das gesamte Krankenhaus war aus seinem Schlaf erwacht, während ich nur noch in mein Bett wollte. Auf den Gängen herrschte bereits hektisches Treiben.

Lorena und ich gingen gerade zum Tresen, um unsere Papiere abzulegen, als uns ein älterer Mann entgegenkam.

„Mr. Sanchez?“, fragte ich verwirrt. Er war vor wenigen Tagen erst mit einem verstauchten Fuß eingeliefert worden. Wieso war er schon auf den Beinen?

„Ah, Otis, Schwester Lorena“, grüßte er uns, „Sagen Sie mal, würden Sie wohl Ihrer Kollegin von mir herzlich danken? Sie hat sich letzte Nacht so wunderbar um mich gekümmert.“

Verwirrt sah ich zu Lorena. Ihr Blick verriet mir, dass sie auch nicht wusste, wovon er sprach.

„Schwester Eulalia“, ergänzte Mr. Sanchez, „Sie trug so ein hübsches, weißes Kleid. Wie frisch gebügelt sah es aus!“

Die Legende:

La Planchada (spanisch für „die Gebügelte“ oder „die gebügelte Frau“) ist der Geist einer Krankenschwester aus den 1930er Jahren.

Aussehen:

Über das Aussehen von La Planchada ist nicht viel bekannt. So gut wie nie wird z.B. ihre Haar- oder ihre Hautfarbe erwähnt.

Dafür soll sie immer sehr elegant und gepflegt aussehen.

Ihr markantestes Merkmal ist aber ihre Kleidung: Sie soll die Uniform einer Krankenschwester der 1930er Jahre tragen. Ihre Kleidung soll außerdem immer sauber und perfekt gebügelt sein – daher hat sie auch ihren Namen.

Die Meisten beschreiben, dass La Planchada wie ein normaler Mensch aussehe, während andere sagen, sie würde leuchten oder wäre leicht durchsichtig.

Eigenschaften:

Obwohl La Planchada nicht böse ist, dient sie trotzdem als beliebte Gruselgeschichte.

Es heißt, dass sie nachts durch Krankenhäuser streift. Je nach Augenzeuge geht sie völlig normal, gleitet über den Boden oder schwebt sogar. Schritte sind von ihr nie zu hören.

Wenn La Planchada auf einen Patienten stößt, der ihrer Meinung nach vernachlässigt wird, geht sie zu ihm, um ihn zu behandeln.

Den meisten Patienten geht es daraufhin bereits am nächsten Tag besser. Wenn sie jedoch von einer freundlichen Krankenschwester berichten, die sie besucht habe, muss dass Krankenhaus häufig feststellen, dass den Patienten in der Nacht kein Angestellter besucht hat.

Auch sagt man La Planchada nach, dass sie – besonders in der Nachtschicht – Angestellte des Krankenhauses sanft wecken soll, sollten diese bei der Arbeit eingeschlafen sein.

Lebensraum/Vorkommen:

Die meisten Sichtungen von La Planchada gab es in mexikanischen Krankenhäusern. Sie soll jedoch bereits auch in anderen Ländern gesichtet worden sein.

Ursprung:

Die Legende von La Planchada kommt mit großer Wahrscheinlichkeit aus Mexiko-Stadt.

Es heißt, dass dort früher eine Krankenschwester namens Eulalia lebte. Eulalia war stets freundlich und gepflegt. Bereits damals soll ihre Kleidung immer perfekt gebügelt gewesen sein.

Eulalia verliebte sich in einen Arzt. Der Arzt schien ihre Gefühle zu erwidern. Irgendwann verlobten sich die beiden sogar.

Als der Arzt jedoch einige Zeit fortmusste, um ein Seminar zu besuchen, kehrte er nicht zurück. Es heißt, dass er entweder dort eine andere Frau kennengelernt habe oder das Seminar nur ein Vorwand war, er aber in Wirklichkeit eine Andere heiratete.

Alternativ erwidert der Arzt Eulalias Gefühle seit Anfang an nicht oder ist bereits verheiratet.

Eulalia ist daraufhin so bestürzt, dass sie nicht mehr sie selbst ist. Sie achtet nicht mehr auf ihr Äußeres, ist stumpf und besitzt nicht mehr ihre frühere Freundlichkeit.

Eines Tages stirbt einer ihrer Patienten sogar, da sie ihn vernachlässigt hat.

Geschockt von dem Tod verließ Eulalia sämtliche Lebensenergie. Sie wurde krank und starb kurz darauf.

Doch auch nach ihrem Tod ließ der Gedanke an den verstorbene Patienten Eulalia nicht ruhen. Seither kommt sie als Geist auf die Erde zurück, um sich um jene Patienten zu kümmern, die vernachlässigt werden. Sie erhielt den Namen La Planchada.


Was haltet ihr von La Planchada? Ähnlich wie bei Jack O’Lantern habe ich die Geschichte im Bereich Grusel gehalten, um der Legende treu zu bleiben. Wie würdet ihr reagieren, wenn ihr La Planchada begegnet? Was würdet ihr tun, wenn euch im Nachhinein klar wird, dass ihr von einem Geist behandelt wurdet? Schreibt es in die Kommentare!

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2 Kommentare

  1. Monika says:

    Herzlich Glückwunsch Ralf! 😀

    Auch, wenn es nicht die gewünschte Legende geworden ist (werde die einfach selbst nachlesen), gefiel mir die Geschichte echt gut.^^

    Zu den Fragen:
    1. Was haltet ihr von La Planchada? Ähnlich wie bei Jack O’Lantern habe ich die Geschichte im Bereich Grusel gehalten, um der Legende treu zu bleiben.
    Mir fällt wieder auf, wie gerne ich deine Geschichten zu Legenden von guten Geistern/Wesen lese. 🙂
    Ich hab‘ dann zwar trotzdem dieses mulmige Gefühl, dass es etwas übernatürliches ist, aber mit dem Wissen, dass es einem nicht schaden will.

    Gerne mehr davon.^^

    Was ich jedoch schade finde, ist der Name. Auf mich wirkt der Name „die Gebügelte“ doch etwas plump und ich finde, da gäbe es bestimmt bessere/treffendere Namen. :/
    Zum Beispiel: „Stille (Kranken-)Schwester/Enfermera silenciosa“ oder „Gute (Kranken-)Schwester/Buena enfermera“.
    Ich weiß, sind jetzt nicht die Besten, aber nur mal so auf die Schnelle.^^

    2. Wie würdet ihr reagieren, wenn ihr La Planchada begegnet? Was würdet ihr tun, wenn euch im Nachhinein klar wird, dass ihr von einem Geist behandelt wurdet?
    Ich hoffe, ich würde wie Otis reagieren, wenn ich sie sehe.^^

    Und wenn ich von ihr behandelt worden wäre, dann würde ich ihr vermutlich eine Kerze anzünden und mich dafür bedanken, dass sie auf mich aufgepasst hat. 🙂

    Liebe Grüße
    Monika

    • Jeremie Michels says:

      1. Mir fällt wieder auf, wie gerne ich deine Geschichten zu Legenden von guten Geistern/Wesen lese. 🙂
      […]
      Gerne mehr davon.^^

      Das größte Problem dabei ist, dass es sehr wenige Legenden über gute Geister gibt. Es gibt zwar einige, die einem nicht direkt etwas Böses antun, sondern nur eine Art böses Omen sind, aber bei den meisten davon wird es schwierig, eine Geschichte darüber zu schreiben … ^^‘

      Was ich jedoch schade finde, ist der Name. Auf mich wirkt der Name „die Gebügelte“ doch etwas plump und ich finde, da gäbe es bestimmt bessere/treffendere Namen. :/
      Das stimmt schon. Manchmal können die Namen eine Legende wirklich etwas kaputtmachen. Der Großmann z.B. ist meiner Meinung nach ebenfalls Opfer einer seltsamen/schlechten Namensgebung. Dadurch, dass ihr Name Spanisch ist, geht es aber meiner Meinung nach noch.

      2.Ich hoffe, ich würde wie Otis reagieren, wenn ich sie sehe.^^
      Du würdest gerne verwirrt sein und erfolglos nach rationalen Erklärungen suchen? xD

      Und wenn ich von ihr behandelt worden wäre, dann würde ich ihr vermutlich eine Kerze anzünden und mich dafür bedanken, dass sie auf mich aufgepasst hat. 🙂
      Das finde ich gut. Dann muss man nur noch hoffen, dass sie es mitbekommt. ^^

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